Die CDU hat heute, am 21. Mai 2026, eine 36-seitige Broschüre gegen die AfD veröffentlicht. „Abstieg für Deutschland. Keine Alternative.“ So liest sich das im Mai – vier Monate vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD in Umfragen bei 42 beziehungsweise 36 Prozent steht.
Die AfD sei „demokratieschädlich“, antisemitisch, eine Partei, die den „Ein-Parteien-Staat so wie in der DDR oder im Nationalsozialismus“ anstrebe. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Tobias Teich reicht Anzeige wegen übler Nachrede ein, Bernd Baumann holt sich vor laufender Kamera ein Exemplar aus dem Adenauer-Haus und nennt das Ganze ein „Pamphlet voller Lügen“. Es ist das übliche Theater. Nichts daran ist falsch, aber auch nichts daran ist neu.
Interessant ist der Zeitpunkt.
Was nach dem Druckschluss kommt
Im September 2026 wird in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. In Sachsen-Anhalt könnte die AfD die absolute Mehrheit knapp verfehlen. Wenn sie sie verfehlt, hat die CDU rechnerisch zwei Möglichkeiten.
Erstens: ein „Brombeer-Bündnis“ aus CDU, SPD und BSW – möglicherweise unter zusätzlicher Tolerierung durch die Linke. Das wäre arithmetisch denkbar. Politisch wäre es eine Koalition, deren einziger gemeinsamer Nenner heißt: gegen die AfD. Sahra Wagenknecht hat genau das für ihre Partei bereits ausgeschlossen.
Zweitens: eine CDU-geführte Minderheitsregierung, geduldet durch die Linke. Dieses Modell läuft bereits – in Sachsen als Tolerierung, in Thüringen werden Haushalte mit Stimmen der Linken verabschiedet. Die NZZ berichtet, dass Sachsen-Anhalts CDU-Landesvize André Schröder eine Minderheitsregierung „nicht ausschließt“. Das Problem dabei: Die CDU hat einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegen die Linkspartei. Sie hat ihn nie aufgehoben. Sie umgeht ihn nur.
Beides bedeutet: Die Brandmauer, die in der Broschüre so kraftvoll markiert wird, bröckelt nicht erst nach der Wahl. Sie bröckelt schon vorher – nur an anderer Stelle und in eine andere Richtung.
Die Asymmetrie der Mauer
Der Blick zurück ist nötig, weil er die Asymmetrie sichtbar macht. Am 29. Januar 2025 hat Friedrich Merz im Bundestag einen Entschließungsantrag zur Migrationspolitik mit den Stimmen der AfD durchgebracht. 348 zu 345. Es war kein Versehen. Zwei Tage später scheiterte das eigentliche Zustrombegrenzungsgesetz knapp – 338 zu 349 –, weil ein paar Unionsabgeordnete einknickten. Aber die Botschaft stand.
Stephan Hebel hat im „Freitag“ die plausibelste Lesart formuliert: Das Manöver war primär ein Signal an SPD und Grüne – seht her, ich habe Alternativen. Ein Druckmittel, kein Bruch. Die Brandmauer ist also nicht falsch, sie ist nur eindirektional: gegen Koalition, nicht gegen Kalkül.
Im Februar 2026 sagt Merz beim Parteitag in Stuttgart erneut: keine Partnerschaft mit der AfD. Im Mai 2026 erscheint die Broschüre. Daraus ergibt sich ein konsistentes Muster: rhetorische Brandmauer auf Bundesebene, funktionale Durchlässigkeit im Einzelfall, mathematische Eskalation auf Länderebene.
Was die Broschüre wirklich ist
Eine Broschüre, die zu diesem Zeitpunkt erscheint, ist kein Aufklärungsdokument. Sie ist ein Wahlkampfartikel. Die Argumente darin – Höcke, „wohltemperierte Grausamkeiten“, völkisches Denken, entmenschlichende Sprache – sind seit Jahren bekannt und seit Jahren belegt. Wer sie erst im Mai 2026 entdeckt, hat sie vorher nicht entdecken wollen.
Der Adressat ist auch nicht die AfD. Der Adressat sind die eigenen Wähler in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, denen die CDU vier Monate vor der Wahl noch einmal sagt: Bei uns seid ihr richtig, wenn ihr die AfD nicht wollt.
Was nach dem Wahltag kommt, ist eine andere Frage. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt nicht regiert, regiert dort entweder ein extrem fragiles Bündnis aus vier Parteien, die sich politisch wenig zu sagen haben, oder eine Minderheitsregierung, die genau jene Linkspartei braucht, mit der die CDU laut Parteitagsbeschluss nicht zusammenarbeitet.
Auf Bundesebene gilt: Solange die Große Koalition trägt, bleibt die Mauer rhetorisch unbeschädigt. Sollte sie kippen – durch eine Wahlpleite der SPD, durch Bruch in der Koalition, durch eine zweite Migrationsdebatte –, dann zeigt der Januar 2025, wo die Reißleine liegt. Sie liegt nicht bei der Broschüre. Sie liegt bei der Rechenaufgabe.