In der ZEIT Nr. 23/2026 trifft der Wirtschaftsprofessor Achim Truger – Mitglied im Sachverständigenrat – auf seinen Kollegen Lars Feld, früher Berater von Christian Lindner. Es geht um den Sozialstaat, die Schuldenbremse, das Krisengefühl der Republik. Das Gespräch ist ungewöhnlich zivil. Beide hören zu, beide räumen Argumente der Gegenseite ein. Allein das ist eine kleine Nachricht. Wirklich interessant wird der Text aber an zwei Stellen, an denen das, was nicht gesagt wird, mehr bedeutet als das, was gesagt wird.
Die Stelle, an der Lars Feld den Stecker zieht
Gegen Ende des Interviews kommt Truger auf die Steuerpolitik. Er warnt vor einer Senkung der Einkommensteuer und schlägt im Gegenteil mittelfristig Erhöhungen für höhere Einkommen vor. Dann sagt er den vielleicht wichtigsten Satz des Gesprächs: „Wenn wir nichts tun, um die oft beschworene gesellschaftliche Solidarität in die Tat umzusetzen, dann gewinnen am Ende nur die politischen Ränder, und die Demokratie ist in Gefahr.“
Felds Antwort: „Das geht mir zu weit. Als Ökonomen sollten wir bei der Sache bleiben und die ohnehin aufgeladene Stimmung nicht zusätzlich anheizen.“
Hier liegt die eigentliche Bruchstelle des Gesprächs. Felds Position behauptet, Wirtschaftspolitik sei eine technische Disziplin mit Sachzwängen, aber ohne politische Folgen. Diese Behauptung ist selbst eine politische Position – und zwar eine sehr wirksame. Wer Verteilungsfragen aus dem Bereich des „Sachlichen“ herausdefiniert, schiebt sie aus dem Bereich des Verhandelbaren. Was übrig bleibt, sind dann eben jene „Sachzwänge“, die in Deutschland seit zwei Jahrzehnten regelmäßig in dieselbe Richtung zeigen: Druck nach unten, Anpassung beim Personal an der Basis.
Das Pikante daran: Feld hat das amerikanische Beispiel selbst eingebracht. Niedrigere Arbeitskosten, weniger Regulierung, dafür – mit seinen eigenen Worten – „eine zunehmend höhere gesellschaftliche Polarisierung“ und ein „willkürlich agierender Präsident“. Truger nimmt den Faden auf und fragt, ob das eine nicht möglicherweise mit dem anderen zu tun habe. Genau an dieser Stelle schneidet Feld die Diskussion ab. Eine Gesellschaft, die ihre Verteilungskonflikte nicht löst, wird anfälliger für autoritäre Versuchungen – das ist keine ideologische Behauptung, das ist empirisch beobachtbar. Felds Verweigerung, diesen Bogen zu schlagen, ist die eigentliche Botschaft seiner Position.
Das Drei-Punkte-Schweigen
Die zweite auffällige Stelle ist eine Leerstelle. Beide Ökonomen diskutieren ausführlich, wie der bestehende Sozialstaat finanziert oder gekürzt werden soll. Drei Themen kommen dabei kaum oder gar nicht vor.
Erstens: Vermögen. Laut aktuellem Gutachten des Sachverständigenrats – dem Gremium, in dem Truger selbst sitzt – hält das oberste Prozent der Bevölkerung rund 26 Prozent des Gesamtvermögens. Im obersten Perzentil besteht das Vermögen zu rund 50 Prozent aus Betriebsvermögen, das steuerlich besonders begünstigt wird. Diese Verteilung ist im Interview kein Thema. Truger erwähnt die Erbschaftsteuer am Rand, Feld antwortet pauschal mit „Steuererhöhungen für die oberen Einkommen sind problematisch“.
Zweitens: Erbschaft. Im Jahr 2024 hat Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes insgesamt 13,3 Milliarden Euro Erbschaft- und Schenkungsteuer eingenommen – ein historischer Höchstwert. Klingt viel, ist aber wenig: Die Steuerbegünstigungen nach § 13a ErbStG allein haben im selben Jahr Schenkungen in Höhe von 13,1 Milliarden Euro begünstigt, also faktisch von der Steuer ausgenommen. Eine DIW-Studie kalkulierte zuletzt, dass allein der Wegfall der Vergünstigungen acht Milliarden Euro zusätzlich bringen würde – ohne neue Belastung für mittlere Einkommen, ohne neue Verschuldung. Selbst Jens Spahn räumte 2025 öffentlich eine „Privilegierung Vermögender“ ein. In einem Gespräch über die Finanzierung des Sozialstaats wäre das ein offensichtlicher Diskussionspunkt. Er kommt nicht vor.
Drittens: Technologische Wettbewerbsfähigkeit. Truger erwähnt sie kurz – die Autoindustrie habe „wichtige Entwicklungen einfach verschlafen“ – und sagt richtig, dass dies kein Kostenproblem sei. Aber dieser Faden wird sofort fallen gelassen, und das Gespräch kehrt zurück zur Standarddebatte: Arbeitskosten, Energiekosten, Kündigungsschutz. Wo bleibt die Diskussion über fehlende öffentliche Forschungsinvestitionen, über die Versäumnisse bei Batteriezelltechnologie, Halbleitern, Software-Infrastruktur, KI-Cloud-Kapazitäten? Über die Tatsache, dass Deutschland industriepolitisch zwischen Marktgläubigkeit und Subventionsaktionismus pendelt, aber selten strategisch handelt? Diese Fragen würden die ökonomische Debatte ins eigentlich relevante Terrain verlagern. Sie tauchen im Gespräch nicht auf.
Eine Zahl zum Nachprüfen
Eine konkrete Behauptung Felds verdient einen kurzen Faktencheck. Er sagt, in Deutschland würden Unternehmen bei Umstrukturierungen im Schnitt 31 Monatsgehälter an Abfindung aufwenden – gegen sieben in den USA und drei in der Schweiz. Diese Zahl ist mit der breiteren Datenlage schwer zu vereinbaren. Die in Deutschland gängige Faustformel liegt bei 0,5 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr, der durchschnittliche Abfindungsbetrag hierzulande wird in Studien mit etwa 14.000 bis 40.000 Euro angegeben – also irgendwo zwischen drei und zehn Monatsgehältern, je nach Einkommensniveau. Selbst ältere internationale Vergleichsstudien wie die Deloitte-Erhebung „International Dismissal Survey“ verorten Deutschland im europäischen Mittelfeld, nicht an der Spitze. Es ist möglich, dass Feld eine spezifische Studie mit anderen Annahmen zitiert (etwa hochbezahlte Führungskräfte mit sehr langer Betriebszugehörigkeit). Als allgemeine Aussage zum deutschen Kündigungsschutz funktioniert die Zahl jedenfalls nicht.
Was bleibt
Das Gespräch zwischen Truger und Feld ist ein Beispiel für einen funktionierenden Diskurs, wie es ihn im deutschen Talkshowbetrieb selten gibt. Genau deshalb lohnt es, hinzuhören, wo dieser Diskurs aufhört. Er hört dort auf, wo die Frage gestellt werden müsste, ob Wirtschaftspolitik eine demokratische Folgewirkung hat. Und er hört dort auf, wo nicht über die Verteilung dessen gesprochen wird, was bereits da ist, sondern nur über die Verteilung dessen, was vielleicht eingespart oder zusätzlich aufgenommen werden müsste.
Beide Ökonomen diskutieren mit großer Sachkenntnis innerhalb eines Rahmens, der die wichtigsten Hebel der deutschen Volkswirtschaft – Vermögen, Erbschaft, technologische Strategie – höflich umfährt. Wer sich in diesem Rahmen bewegt, kann viel klüger oder dümmer argumentieren. Aber er kann nicht herauskommen.