Wann lernt man am besten? Warum Interesse mehr bewirkt als Zwang

Warum Interesse mehr bewirkt als jeder Zwang

Man lernt nicht am besten, wenn man lernen muss. Das klingt zunächst verkehrt, denn die meisten von uns haben es genau andersherum gelernt: zu festen Zeiten, mit festem Stoff, ob man wollte oder nicht. Doch wer ehrlich auf sein eigenes Leben schaut, merkt schnell, dass das wenigste davon hängen geblieben ist.

Am meisten lernt man, wenn man wirklich interessiert ist. Das kann jeder an sich selbst beobachten. Man muss nur daran denken, wie es ist, ein neues Hobby anzufangen. Am Anfang hat man keine Ahnung. Doch nach kurzer Zeit kennt man sich erstaunlich gut aus, weiß plötzlich Dinge, von denen man wenige Wochen vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Niemand hat einen dazu gezwungen. Im Gegenteil – man kann gar nicht aufhören. Meist erkennt man das daran, dass man sein Umfeld mit dem frisch erworbenen Wissen ein wenig nervt.

Was ist da passiert? Etwas hat das Interesse geweckt. Vielleicht ein Problem, für das man eine Lösung gesucht hat. Vielleicht eine Begegnung, ein Gespräch, ein Bild, eine Frage, die nicht mehr losließ. Irgendein Impuls hat die Aufmerksamkeit gelenkt – und von da an lief das Lernen fast wie von selbst. Nicht weil man musste, sondern weil man wollte.

Und genau hier liegt ein Grundproblem der Schule. Dort sollen alle Kinder einer Klasse zur gleichen Zeit dasselbe lernen, im gleichen Tempo, im gleichen Schritt. Das Interesse des Einzelnen kommt darin kaum vor. Es kann höchstens zufällig getroffen werden – mal passt der Stoff zur Neugier eines Kindes, meistens aber nicht. Was beim Hobby von allein geschieht, muss in der Schule erzwungen werden. Und Zwang erzeugt selten Begeisterung.

Damit ist nicht gesagt, dass Schule überflüssig wäre oder Kinder nur lernen sollten, worauf sie gerade Lust haben. Es geht um etwas anderes: um die Erkenntnis, dass Lernen einen Anlass braucht. Einen Funken. Etwas, das die Frage „Warum eigentlich?“ in den Kopf setzt. Wo dieser Funke fehlt, bleibt das Lernen mühsam und flüchtig. Wo er da ist, geschieht es fast von selbst.

Vielleicht wäre das die eigentliche Aufgabe – in der Schule wie zu Hause: nicht möglichst viel Stoff in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln, sondern Interesse zu wecken. Denn ein Kind, das Feuer gefangen hat, lernt mehr in einer Woche als in einem ganzen Halbjahr, in dem es nur abgesessen hat, was abgesessen werden musste.

Wie gut das funktioniert, merkt man gut beim Lesen einer Geschichte. Wer einem Kind erklärt, wie die Hanse funktionierte oder wer die Likedeeler waren, erntet meist höfliche Langeweile. Steckt dasselbe Wissen aber in einer Geschichte, in der zwei Kinder im Jahr 1400 hinter einer verschollenen Beute her sind, fragt das Kind plötzlich von allein nach: Wie segelte man damals? Was war erlaubt, was nicht? Wer war dieser Störtebeker? Das Lernen läuft mit, weil es gebraucht wird, nicht weil es verlangt wird. Genau das ist der Funke – und er springt fast immer über, wenn man nicht zieht, sondern Neugier weckt.

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