Der Hamburger Neurodiversitätsforscher André Frank Zimpel sagt in der ZEIT einen Satz, der wie eine Befreiung klingt: Das Problem sei nicht das ADHS, das Problem sei die Schule. Nicht das Kind ist defizitär, sondern die Institution, die nur ein Tempo, eine Methode, einen Lehrplan kennt. Die Pathologie sitzt im System, nicht im Nervensystem.
Im Befund hat er recht. Und genau das macht den zweiten Teil des Gedankens so unbequem – den Zimpel höflich umschifft.
Die richtige Umkehrung
Zimpels Bewegung ist die richtige: Er adressiert den Fehler vom Einzelnen zurück an die Struktur. Wo ein Kind im Unterricht schreit oder sich unter dem Tisch verkriecht, fragt er nicht zuerst, was mit dem Kind nicht stimmt, sondern was die Lernsituation mit seiner Wahrnehmung macht. Sein historischer Vergleich trägt: Früher zwang man Linkshänder zum Schreiben mit rechts und produzierte damit Konzentrations-, Gedächtnis- und Rechtschreibprobleme – Defizite, die erst durch die Umerziehung entstanden. Heute fällt Linkshändigkeit nicht einmal mehr auf.
Das ist im Kern dieselbe Diagnose, die ich seit Jahren stelle: die Individualisierung kollektiver Versäumnisse. Ein strukturelles Problem wird umetikettiert in einen individuellen Charakterdefekt – beim Schüler, der eben „nicht mitkommt“, „stört“, „sich nicht anstrengt“. Zimpel dreht das zurück. Insofern: Zustimmung.
Wo das Argument sich selbst aushebelt
Doch dann kommt der Bruch, den das Interview nicht zu Ende denkt. Zimpel fordert eine Schule, die sich der Vielfalt der Schüler anpasst statt umgekehrt. Die ZEIT hält dagegen: Dafür habe die Schule kaum Kapazitäten. Seine Antwort lautet schlicht: „Sollte sie aber.“
Das ist der Moment, in dem die Umkehrung kippt. Solange Neuroinklusion als pädagogische Haltung verkauft wird, obwohl sie ein Ressourcenproblem ist, landet das kollektive Versäumnis wieder beim Einzelnen – nur diesmal bei der Lehrkraft, die es „mit mehr Mühe“ richten soll. Zimpel selbst räumt ein, dass Lehrkräfte im Regelfall mit Schülern aus dem Autismus-Spektrum überfordert sind, weil das Thema in der Ausbildung kaum vorkommt – eine Einschätzung, die sein Zentrum für Neurodiversitätsforschung mit einer Lehrkräfte-Umfrage unterlegt. Aus dieser Überforderung wird kein politischer Anspruch auf Stellen, Zeit und Räume – sie wird zur stillen Anforderung an die individuelle Anstrengung des Kollegiums.
Damit reproduziert die Inklusionsrhetorik exakt die Logik, die Zimpel beim Kind zu Recht kritisiert. Vom kranken Kind zur kranken Schule – und von dort zur überforderten Lehrkraft, die das System ohne Mittel reparieren soll. Die Adresse des Versäumnisses wandert, aber sie bleibt individuell.
Die Superpower und ihre Fußnote
Hinzu kommt die Dramaturgie. Turing, Einstein, Bill Gates, Heidi Klum – das Genie-Framing kommt zuerst, verführerisch und anschlussfähig fürs Boulevard. Die Korrektur liefert Zimpel selbst, aber sie steht weiter hinten und leiser: In schwedischen Gefängnissen sitzt ein Drittel der Insassen im ADHS-Spektrum, und in Deutschland findet nur etwa jeder sechste Mensch im Autismus-Spektrum einen passenden Beruf. „ADHS kann eine Superpower sein“, sagt er – und warnt im selben Atemzug vor der Verklärung. Die ZEIT serviert das Genie zuerst und das Elend als Fußnote. Das ist die boulevardeske Schlagseite einer eigentlich seriösen Position.
Man sollte das nicht gegen Zimpel wenden – er differenziert. Man sollte es gegen die Erzählung wenden, die aus seinem Befund eine gefällige Pointe macht und die unbequeme Konsequenz weglässt: dass eine Schule, die sich der Vielfalt anpasst, ohne zusätzliche Ressourcen nicht zu haben ist. Wer das verschweigt, verkauft eine Strukturreform als Frage des guten Willens. Und der gute Wille ist bekanntlich das billigste Material, aus dem sich kollektive Versäumnisse individualisieren lassen.