In Duisburg-Rheinhausen sitzen vier Grundschulkinder in einem Raum. Die Lehrkraft geht von Kind zu Kind. Kommt eines nicht weiter, fragt sie die anderen, ob sie helfen können. Alle zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten steht die Gruppe auf, lockert sich, spielt kurz etwas und setzt sich wieder hin. Die Kinder besuchen die zweite bis vierte Klasse und lernen gemeinsam in einem Raum.
Der WDR beschreibt diese Szene als Nachhilfe. Sie ist etwas anderes. Sie ist Unterricht.
Kein Sonderverfahren
Jedes einzelne Element der beschriebenen Stunde gehört zum Standardrepertoire der Grundschulpädagogik. Die kleine Lerngruppe. Die altersgemischte Zusammensetzung über drei Jahrgänge. Das Helfersystem, in dem Kinder einander erklären, was sie selbst gerade verstanden haben. Die Lehrkraft, die nicht vorne steht, sondern sich zu den Kindern setzt. Die Rhythmisierung durch kurze Bewegungspausen, weil neunjährige Aufmerksamkeit nicht in Fünfundvierzig-Minuten-Blöcken funktioniert.
Nichts davon ist ein Verfahren, das ein privates Institut entwickelt hätte. Nichts davon steht in einem Lizenzvertrag. Es ist das, was in Ausbildungsseminaren gelehrt und in Schulprogrammen beschrieben wird. Wer die Passage aus dem WDR-Text ohne Kontext läse, würde sie für die Beschreibung einer gelungenen Fördergruppe am Vormittag halten.
Der Unterschied ist arithmetisch, nicht didaktisch
Was das Nachhilfeinstitut anders macht, ist keine Methode. Es ist eine Zahl. Eine Lehrkraft, die in einer Stunde von Kind zu Kind gehen soll, hat bei vier Kindern gut zehn Minuten pro Kind. In einer Klasse mit fünfundzwanzig Kindern sind es weniger als zwei. Das ist der gesamte Unterschied, und er lässt sich durch kein Konzept, keine Handreichung und keine Fortbildung auflösen.
Individualisierung ist keine Haltungsfrage. Sie ist eine Frage der Gruppengröße, der Doppelbesetzung und der Zeit, die einer Lehrkraft neben Diagnostik, Dokumentation, Elternarbeit und Vertretungsstunden bleibt. Die Pädagogik weiß das seit Jahrzehnten. Sie ist nicht das Problem.
Die Empfehlung beschreibt die Schule
Bemerkenswert ist, was der Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen Eltern empfiehlt. Für Grundschulkinder eher Präsenzunterricht als Online-Angebote, weil sich Jüngere zu Hause leicht ablenken lassen. Einzelunterricht, wenn größere Lücken zu schließen sind. Kleingruppen, weil sie den Austausch fördern.
Das sind keine Aussagen über Nachhilfe. Das sind Aussagen über Lernen. Ein Kind, das sich am heimischen Bildschirm nicht konzentrieren kann, braucht einen Raum, eine Bezugsperson und eine Gruppe – also genau die Anordnung, für die es täglich in ein Gebäude geht, das der Staat dafür unterhält. Der Verband beschreibt, in Form einer Kaufempfehlung, die Grundschule.
Ein teurer und unfairer Ausgleich
Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat diesen Zusammenhang bereits 2010 in einer Studie für die Bertelsmann Stiftung auf den Begriff gebracht: Nachhilfe als teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung. Eine Folgeuntersuchung von 2016 bezifferte die privaten Ausgaben auf rund 879 Millionen Euro jährlich, im Schnitt 87 Euro im Monat je Kind. Vierzehn Prozent der Schülerinnen und Schüler zwischen sechs und sechzehn erhielten Nachhilfe.
Diese Zahlen sind zehn Jahre alt. Neuere gibt es nicht, jedenfalls keine belastbaren. Das nordrhein-westfälische Schulministerium teilt auf Nachfrage mit, dass es die Lernrückstände kennt, den Umfang des Nachhilfebedarfs aber nicht. Man weiß, dass etwas fehlt. Man erhebt nicht, wer die Lücke wie schließt. Die einzige Zahl, die im WDR-Beitrag steht, kommt vom Anbieter selbst: rund dreißig Prozent der Schülerhilfe-Kundschaft seien inzwischen im Grundschulalter.
Was da eigentlich gekauft wird
Nachhilfe gilt als Zusatzleistung. Etwas, das man bucht, wenn es nicht reicht. Diese Beschreibung stimmt für die Oberstufe, für Latein vor der Klausur, für das Aufholen nach längerer Krankheit. Für die Grundschule stimmt sie nicht. Lesen, Schreiben und Rechnen sind kein Zusatz. Sie sind der Kernauftrag, und die individuelle Förderung ist der gesetzlich vorgeschriebene Weg dorthin.
Wenn diese Förderung am Vormittag nicht stattfinden kann, verschwindet sie nicht. Sie wandert auf den Nachmittag und auf die private Rechnung. Damit wandert sie zugleich in einen Bereich, der nach Zahlungsfähigkeit sortiert. Der WDR verlinkt am Ende seines Beitrags, fast beiläufig, eine Meldung von 2021 darüber, dass die Unterstützung für Kinder aus einkommensschwachen Familien nicht ankommt. Die beiden Enden desselben Vorgangs stehen im selben Text, ohne zusammengeführt zu werden.
Die Liste der Ursachen ist vollständig – bis auf einen Punkt
Das Schulministerium nennt als Gründe für die Rückstände die Folgen der Pandemie, flucht- und zuwanderungsbedingte Sprachbarrieren und unterschiedliche Lernvoraussetzungen. Alle drei Punkte treffen zu. Alle drei liegen außerhalb der Schule. Was in der Aufzählung fehlt, ist die Frage, mit welcher personellen Ausstattung ein System auf drei gleichzeitig wirkende Belastungen reagieren soll. Die Ursachen kommen von außen, die Antwort müsste von innen kommen.
Stattdessen kommen Maßnahmen im vorhandenen Zeitbudget. Hessen hat zum neuen Schuljahr eine tägliche Lesezeit von zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten für die dritten und vierten Klassen auf den Stundenplan gesetzt, zunächst zur Erprobung an hundert Grundschulen. Wann und in welchem Fach gelesen wird, entscheiden die Schulen selbst. Der Ansatz ist nicht falsch, er kostet nur nichts und ändert an der Gruppengröße nichts.
Die Nachhilfegruppe in Rheinhausen macht alle zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten eine Pause. Sie hat die Zeit dafür. Bezahlt haben sie die Eltern.
Zum strukturellen Hintergrund: Das System frisst seine Kinder.