Wenn das Bad zu hat – Köln zehnfacht das Bußgeld am Rhein

Pünktlich zu Pfingsten und den ersten Sommertemperaturen hat die Stadt Köln das Bußgeld für Baden im Rhein von 100 auf 1000 Euro angehoben. Begründung der Verwaltung, wörtlich: „Alle bisherigen Warnungen auf Schildern, in Zeitungen, Social-Media-Kampagnen und Bußgelder bis 100 Euro haben manche Leute nicht davon abgehalten, im Rhein zu baden. Wir hoffen, dass ein Bußgeld bis zu 1000 Euro mehr Menschen abschreckt.“ Wenn der erste Hebel nicht wirkt, muss man ihn eben höher drücken. So denkt die Stadt.

Was die Stadt nicht erwähnt

Den größten Teil der Begründung kann man wenden. Wenn 100 Euro nicht abgeschreckt haben, dann nicht, weil 100 zu wenig waren, sondern weil viele Menschen keine ernsthafte Alternative haben. Köln gehört zu den größten Städten Deutschlands, hat aber ein chronisches Schwimmbad-Problem. Die Eintrittspreise sind in den vergangenen Jahren mehrfach erhöht worden, einzelne Bäder sind regelmäßig wegen Personalmangels oder Technik geschlossen, und das innerstädtische Agrippabad ist seit dem 1. Januar 2026 dicht. Die ursprünglich angekündigte Sanierung hat sich in der Detailplanung als deutlich umfangreicher entpuppt als angenommen, Kosten geschätzt rund 20 Millionen Euro, Wiedereröffnung frühestens 2027.

Das heißt: Wenn der Sommer 2026 ein heißer wird, fehlt eines der zentralen innerstädtischen Bäder vollständig. Die nächstliegende kostenlose Alternative ist der Rhein. Den hat die Stadt jetzt mit bis zu 1000 Euro pro Erwischt-Werden belegt.

Der Auftrag, den niemand bearbeitet

Bemerkenswert ist eine Passage am Ende des Berichts von Matthias Hendorf im Kölner Stadt-Anzeiger. Als der Rat im September 2025 das Badeverbot beschloss, hat er die Verwaltung gleichzeitig damit beauftragt, „die Öffnung und bessere Zugänglichkeit weiterer Badeseen im Stadtgebiet sowie in erreichbarer Nähe zu prüfen und dem Rat hierzu Vorschläge zu unterbreiten.“ O-Ton Stadtsprecher acht Monate später: Zu dieser Angelegenheit gebe es „noch nichts Konkretes zu sagen.“

Das ist die ganze strukturelle Geschichte in zwei Sätzen. Das Verbot war schnell beschlossen, weil es nichts kostet. Die Alternative ist nicht passiert, weil sie etwas kosten würde. Die Stadt hat den repressiven Teil ihres eigenen Beschlusses umgesetzt, den fürsorglichen nicht.

38 offene Stellen für 67,3 Kilometer Ufer

Wer soll die neue Bußgeld-Regel eigentlich kontrollieren? Auf Kölner Stadtgebiet zieht sich das Rheinufer über 67,3 Kilometer. Das Ordnungsamt – zuständige Behörde – ist seit Jahren chronisch unterbesetzt. Im Dezember 2025 nannte der neue Amtsleiter Markus Käsbach 38 offene Stellen im Außendienst und etwa zehn Prozent unbesetzte Posten im Verkehrsdienst. Käsbach ist der fünfte Ordnungsamtschef binnen drei Jahren – eine Personalsituation, die für sich genommen schon ein Befund ist.

Mit dieser Personaldecke soll nun zusätzlich zur regulären Müllordnungs-, Lärm- und Veranstaltungsarbeit auch das Rheinufer überwacht und Bußgeld verhängt werden. Wer das praktisch zu Ende denkt, kommt zu einer einfachen Erkenntnis: Das Bußgeld wird in der Mehrzahl der Fälle nicht ankommen. Die Höhe ist überwiegend symbolisch. Sie soll die zwei oder drei Erwischten exemplarisch hart treffen und für den Rest die Schlagzeile produzieren.

Die Logik des falschen Hebels

Der eigentlich entscheidende Punkt ist nicht das einzelne Bußgeld, sondern die Frage, was die Stadt mit ihren Ressourcen tut. Wer 67,3 Kilometer Ufer ernsthaft sicherer machen will, braucht keine Streifen mit Quittungsblock. Er braucht saisonale Rettungskräfte. Eine DLRG-geschulte Position kostet die Stadt eine Personalstelle und rettet im besten Fall Menschenleben. Ein Bußgeld bringt im besten Fall ein paar Tausend Euro pro Jahr in die Stadtkasse und rettet niemanden, der gerade untergeht.

Die Wahl, die hier getroffen wurde, ist damit nicht inhaltlich, sondern haushälterisch. Bußgelder sind Einnahmen. Rettungsschwimmer sind Ausgaben. Eine Stadt, die spart, wo sie kann, und einnimmt, wo sie kann, kommt am Ende auf genau dieses Muster: Sie reguliert das Verhalten der Bürger, statt die Bedingungen zu verbessern, unter denen Bürger leben.

Das Rheinufer, Schritt für Schritt verregelt

Wer im Süden der Stadt wohnt, kennt das Muster ohnehin. Die sogenannte „Rodenkirchener Riviera“, im Stadt-Anzeiger-Artikel ausdrücklich als beliebter Abschnitt genannt, ist Teil desselben Uferstreifens, an dem die Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern seit Jahren ungelöst sind. Es ist dieselbe Logik: nicht mehr Infrastruktur, nicht mehr Wegbreite, nicht mehr Personal – sondern mehr Schilder, mehr Verbote, mehr Bußgelder.

Das Rheinufer ist – mit dem Wald, dem Volksgarten und einigen wenigen anderen Orten – einer der wichtigen frei zugänglichen Räume in dieser Stadt. Es ist zugleich ein Raum mit realen Gefahren. Beides ist wahr. Die ehrliche Antwort darauf wäre, die Gefahren zu mindern und den Raum dabei nutzbar zu halten. Die billige Antwort ist, das Verhalten zu regulieren und das Risiko damit auf das Konto der Erwischten zu buchen.

Köln hat sich für die billige Antwort entschieden. Vermutlich, weil die andere zu teuer wäre. Was die teurere Antwort tatsächlich kosten würde – an Rettungspersonal, an Badeseen, an offenen Bädern –, hat noch niemand offen vorgerechnet. Die Frage steht weiter offen.

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