96,2 Prozent. Mit diesem Ergebnis hat die NRW-SPD am Samstag in einer Düsseldorfer Eventhalle Jochen Ott zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im kommenden Frühjahr gewählt. Minutenlanger Applaus, stehende Delegierte, ein Leitmotiv, das wie eine Befreiung klingen soll: „Wir haben verstanden. Wir sind wieder da.“
Im April hatte ich an dieser Stelle über eine andere Zahl geschrieben: acht Prozent. So viele Wahlberechtigte wussten damals, dass Ott der designierte Spitzenkandidat ist. Im Mai ging es um eine Kita-Pflicht im Konjunktiv und einen Verweis auf Hamburg, der das Hamburger Modell verkehrte. Zwischen diesen beiden Texten und dem gestrigen Parteitag liegt eine Verschiebung, die man hören muss, um sie zu verstehen.
Vom Konjunktiv in den Indikativ
Was sich geändert hat, ist nicht die Substanz. Es ist die Lautstärke. Aus „könnte, sollte, müsste“ ist „Leidenschaft, Bestimmung, Schicksal“ geworden. Ott ruft den Delegierten zu, Bildung sei das Gewinner-Thema seiner Regierung, NRW werde das familienfreundlichste Bundesland, das größte Entlastungspaket der Landesgeschichte stehe bevor. Kostenloses Mittagessen für alle Kita- und Grundschulkinder, abgeschaffte Elternbeiträge, ein Jugendticket für alle.
Es sind dieselben Versprechen wie im Mai, nur dass jetzt der Indikativ regiert. Die Frage, die im Mai unbeantwortet blieb, bleibt es auch im Juni: Wer soll das alles leisten? In den Kitas fehlen Erzieherinnen, an den Grundschulen fehlen Lehrkräfte. Ein kostenloses Mittagessen für jedes Kind braucht Küchen, Personal, Räume. Ein Versprechen wird nicht dadurch tragfähig, dass man es vom Möglichkeitsmodus in den Behauptungsmodus überführt. Es wird nur lauter.
Die Diagnose, die der Parteitag bestätigt
Im April-Text stand der Satz, den Ott im Interview vermied: Das liegt an uns. Eine Partei, die in ihrem traditionellen Hausland von 26,7 auf 14 Prozent fällt, während die AfD sich vervierfacht, hat das nicht in Berlin verloren. Sie hat es in Düsseldorf verloren, dort, wo Schulpolitik, Polizei, Kommunalfinanzen und Wohnungsbau gestaltet werden.
Der gestrige Parteitag hätte der Ort für diesen Satz sein können. Stattdessen wurde gefeiert. 96,2 Prozent für einen Mann, den vor wenigen Wochen acht Prozent der Wahlberechtigten kannten – das ist keine Geschlossenheit, das ist eine Versammlung, die sich selbst Mut macht. Der Jubel ist echt. Er ist nur nach innen gerichtet.
Warum das mehr als ein Personalproblem ist
Man könnte das als Abrechnung mit einem Kandidaten lesen. Das wäre zu billig. Der eigentliche Punkt ist ein anderer: Diese Partei wird gebraucht. Eine Demokratie in einem Land von der Größe Nordrhein-Westfalens, in dem die AfD zweitstärkste Kraft ist, braucht eine Sozialdemokratie, die mehr kann als Familienentlastung als Bildungsreform zu etikettieren. Sie braucht eine Erzählung, die über die Reparatur des Mangels hinausgeht.
Ott ist ein intelligenter Mann mit einer biografisch glaubwürdigen Nähe zum Bildungsthema – früherer Oberstudienrat, jahrzehntelang in der Partei verankert. Genau deshalb ist die Leere seiner Versprechen kein Versehen, sondern eine Entscheidung. Wer nie eine eigene Erzählung gebraucht hat, um Ämter zu erreichen, greift auch in der Krise nicht zu einer. Er greift zu lauteren Worten.
„Ich bin für die Hoffnung in die Politik gegangen“, sagt Ott zum Schluss. Das ist ein schöner Satz. Hoffnung aber entsteht nicht aus Versprechen ohne Deckung. Sie entsteht aus dem ehrlichen Eingeständnis, woran es liegt – und aus einem Plan, der die Personalfrage nicht auslässt, sondern beantwortet. Beides fehlte gestern. Was bleibt, ist ein Parteitag, der sich selbst gefeiert hat, während die Wähler, um die es gehen müsste, draußen blieben. Wie schon im Mai die Kinder. Wie schon im April die Selbsterkenntnis.
Die SPD wird gebraucht. Das hier wird nicht reichen.