Im Mai 2025 stand Henriette Reker vor dem neuen Gymnasium an der Brügelmannstraße in Deutz und ließ sich feiern. 558 Millionen Euro Schulinvestitionen allein in jenem Jahr, keine deutsche Millionenstadt stecke pro Kopf mehr Geld in ihre Schulen, der Schulbau habe seit 2015 „rasant an Fahrt aufgenommen“ (so die städtische Pressemitteilung). Zehn Jahre höchste Priorität, fast egal zu welchem Preis. Ein gutes Jahr später, im Juni 2026, verkündet Kämmerin Dörte Diemert das Ende dieser Ära: Beim Schulbau werde künftig gespart. Man rede „über alles, auch über Bau und Ausstattung von Schulen“ (Kölner Stadt-Anzeiger).
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt kein Sinneswandel. Dazwischen liegt die Rechnung für ein Jahrzehnt, in dem das Wort „Priorität“ als Ersatz für vorausschauende Planung diente.
Die Logik der Not
Bärbel Hölzing, schulpolitische Sprecherin der Grünen, beschreibt das Dilemma mit einer bemerkenswerten Offenheit: „Wenn man Not hat und bauen muss, passieren unter Umständen so Dinge, wie dass die Kosten davon galoppieren.“ Das ist die ehrlichste Beschreibung des Kölner Schulbaus, die man derzeit hören kann – und zugleich das Eingeständnis eines strukturellen Versagens, das niemand so nennen will.
Denn die „schwindelerregenden Höhen“, über die jetzt alle klagen, sind kein Ausdruck von Großzügigkeit. Sie sind das Preisschild der eigenen Versäumnisse. Wer jahrzehntelang zu wenig saniert und gebaut hat, steht irgendwann unter einem Druck, der jede Verhandlungsmacht zerstört. Dann mietet man fertige Schulen von privaten Investoren an – das Porzer Gymnasium für künftig 11 Millionen Euro im Jahr, die Gesamtschule Kalk im ehemaligen Odysseum für 8,7 Millionen Euro jährlich. Dann beauftragt man General- und Totalunternehmer, die teurer sind und die Stadt abhängiger machen, weil schnelles Bauen wichtiger wird als günstiges. Die Eile war nicht Tatkraft. Sie war die Quittung.
Ein Muster mit System
Wer glaubt, das sei eine Eigenheit des Schulbaus, kennt das Kölner Verfahren nicht. Es ist die Hausnummer der ganzen Stadt. Das Stadthaus in Deutz, das zentrale Verwaltungsgebäude, mietet die Stadt seit nunmehr einem Vierteljahrhundert für viele Millionen Euro an, statt es zu besitzen. Ein einst gesichertes Vorkaufsrecht wurde nie gerichtlich eingetragen; die dafür angelegte Rücklage von 69 Millionen DM ist heute 87,5 Millionen Euro wert – und das Gebäude gehört der Stadt trotzdem nicht. Die Linksfraktion im Rat stellte dazu genau die Frage, die auch über dem Schulbau steht: Warum mietet diese Stadt immer wieder dauerhaft an, statt selbst zu planen und zu bauen?
Das jüngste Lehrstück liefert die ehemalige Kaufhof-Zentrale an der Leonhard-Tietz-Straße. Auch sie wird angemietet statt gekauft – bis 2050, für insgesamt weit mehr als 300 Millionen Euro Miete. Und auch hier explodieren die Kosten: Der Umbau, ursprünglich mit knapp 27 Millionen Euro budgetiert, soll nun rund 77 Millionen kosten, fast das Dreifache. Die Stadt soll eine Sonderzahlung von 50 Millionen Euro leisten (Rundschau). Der entlarvende Teil: Rund ein Fünftel dieser Mehrkosten geht auf Mietausfälle zurück, die durch städtische Umplanungen und die daraus folgenden Verzögerungen entstanden sind. Die Stadt zahlt also dafür, dass sie sich selbst im Weg stand – und kompensiert das mit fünf zusätzlichen Jahren Mietbindung.
Die Antwort auf die Frage der Linksfraktion ist unbequem. Anmieten verschiebt die hohen Kosten in die Zukunft und aus dem aktuellen Haushalt heraus. Es sieht heute günstiger aus und wird über zwanzig, fünfundzwanzig Jahre teuer. Es ist die Finanzpolitik des Aufschiebens – und der Schulbau ist nur ihr sichtbarstes Kapitel.
Aus „Priorität“ wird „Schmerzgrenze“
Nun also der Kurswechsel. Oliver Seeck (SPD) nennt 200 Millionen Euro für eine einzelne Schule „inakzeptabel“ – Helge Schlieben (CDU) zieht dieselbe Schmerzgrenze. Plötzlich entdeckt man Einsparpotenzial bei „überbordender Technik“ wie Lüftungsanlagen, bei „architektonischen Details“ wie Terrassen, und schlägt Schulen „von der Stange“ vor, identische Module für die äußeren Viertel.
Man darf das vernünftig finden. Eine Schule braucht keine preisverdächtige Architektur, sie braucht ein dichtes Dach. Doch der Zeitpunkt entlarvt die Logik. Gespart wird jetzt – am noch nicht Gebauten. Die teuren Investorenverträge laufen weiter, viele über mindestens zwanzig Jahre fest geschlossen. Die laufenden Großprojekte werden fortgeführt. Antastbar ist nur, was noch kommt. Und das trifft erfahrungsgemäß zuerst die, die ohnehin am Ende der Schlange stehen.
Wer am Ende der Schlange steht
Während über Terrassen und Lüftungsanlagen der Vorzeigeprojekte diskutiert wird, wartet die Gemeinschaftsgrundschule Merianstraße in Chorweiler seit sechzehn Jahren auf eine Mensa. An der Grundschule Alzeyer Straße in Bilderstöckchen hat man über einen lecken Unterrichtscontainer eine Plane geworfen, statt das Loch zu schließen, durch das es in den Klassenraum regnet. Am Hölderlin-Gymnasium liefen 2025 während der Hitzewelle in rund dreißig Räumen die Heizungen weiter, weil die Thermostate defekt waren.
Das ist die eigentliche Bilanz von zehn Jahren „höchster Priorität“: eine wachsende Kluft zwischen den preisgekrönten Neubauten und den Schulen, in denen Kinder unter Planen sitzen. Der Instandsetzungsstau beträgt laut Verwaltung einen „hohen dreistelligen Millionenbetrag“ – und die Datenlage ist nicht einmal aktuell, weil die Zustände der Gebäude gerade erst neu bewertet werden. Man weiß also nicht einmal genau, wie groß der Schaden ist, den man verwaltet.
Die Individualisierung des Versäumnisses
Johannes Segerath, langjähriger Schulleiter des Berufskollegs Ehrenfeld, formuliert den entscheidenden Satz: „Die finanziellen Mittel waren in der Vergangenheit oft da – die Umsetzung verlangte den Schulen sehr viel Frustrationstoleranz ab.“ Und an seinem Kolleg konnte man jahrelang motivierten jungen Menschen aus Raummangel absagen, die heute als Fachkräfte fehlen.
Hier schließt sich der Kreis. Das Problem war selten das Geld allein. Das Problem war eine Verwaltung, die Versäumnisse über Jahre auflaufen ließ, sie dann unter Zeitdruck zu Höchstpreisen abarbeitete und nun, da die Kasse leer ist, die Sparsamkeit entdeckt – ausgerechnet bei den Sanierungsfällen, die schon am längsten warten. Das kollektive Versäumnis von Rat und Verwaltung wird stillschweigend umgebucht: in „Frustrationstoleranz“ der Schulen, in geduldiges Warten der Chorweiler Eltern, in die Plane über dem Container. Die Schulpflegschaft hat dafür den richtigen Satz gefunden: „Wer beim Schulbau spart, spart an den Zukunftschancen unserer Kinder.“
Es ist eine bequeme Erzählung, dass Köln eben schlecht mit Geld umgehen könne. Bequem, weil sie niemanden benennt. Die Wahrheit ist unbequemer: Eine Stadt hat ein Jahrzehnt lang die Folgen ihrer eigenen Unterlassungen zu Höchstpreisen eingekauft, sich dafür öffentlich feiern lassen – und reicht die Rechnung nun an die weiter, die sie nie ausgestellt haben.
Von 2026 bis 2029 fließen rund zwei Milliarden Euro in den Kölner Schulbau. Die entscheidende Frage ist nicht, ob das zu viel ist. Sie lautet, warum am Ende dieses Geldes immer noch ein Kind unter einer Plane sitzt.