Schulabgänger ohne Abschluss: Wenn Individualisierung die Statistik verdeckt

340 Jugendliche haben Köln im vergangenen Jahr ohne Schulabschluss verlassen, 3,5 Prozent der rund 9600 Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs. Landesweit hat sich der Anteil seit 2015 fast verdoppelt, von 2,2 auf 4,2 Prozent. Die Zahlen von IT NRW, über die der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet, benennen damit ein Problem, das sich nicht auf Einzelschicksale reduzieren lässt. Interessant ist weniger die Statistik selbst als die Art, wie sie erklärt wird.

Im Artikel kommt der Bildungsforscher Tim Engartner von der Universität zu Köln zu Wort. Seine Diagnose: Jugendliche hingen zu viel am Smartphone, ihre Anstrengungsbereitschaft sinke, sie nähmen eine „Konsumentenhaltung“ ein. Man könne sich Habermas von YouTube erklären lassen, durchdringe den Text aber nicht. Das ist als Beobachtung nicht falsch – aber es verschiebt die Erklärungslast auf das Verhalten der Jugendlichen selbst, in einem Alter, in dem Mediennutzung, Konzentrationsfähigkeit und Lernkultur weitgehend von den Strukturen geprägt werden, in die junge Menschen hineinwachsen.

Bemerkenswert ist, dass derselbe Artikel wenige Absätze weiter genau die strukturellen Ursachen benennt, die diese individualisierende Lesart konterkarieren. Der Offene Ganztag kompensiere Lernrückstände zu wenig, weil er kaum mit dem Vormittagsunterricht koordiniert sei – OGS-Kräfte wüssten oft schlicht nicht, was in der Schule passiert. Es fehle an Schulsozialarbeitern, Schulpsychologen und Schulbegleitern. Jedes vierte Kind erhalte inzwischen Nachhilfe, aber Familien aus bildungsbenachteiligten Milieus könnten sich diese Unterstützung nicht leisten. Das sind keine Charakterfragen, sondern Ressourcen- und Organisationsfragen, die politisch gestaltbar wären.

Auch der Verweis auf Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund fügt sich in dieses Muster. 15,3 Prozent der ausländischen Schulabgänger blieben 2025 ohne Abschluss, gegenüber 2,2 Prozent bei deutschen Abgängern. Als isolierte Zahl suggeriert das einen kulturellen oder individuellen Faktor. Im Zusammenhang mit den übrigen Befunden des Artikels – Nachhilfe als Privatleistung, fehlende Kitapflicht, unkoordinierter Ganztag, Personalmangel an den Schulen – liest sich die Differenz eher als Verstärkereffekt bestehender struktureller Benachteiligung als als eigenständige Ursache.

Auch die Sozialarbeit, die im Artikel zu Wort kommt, bestätigt diesen Befund von der Praxisseite. Beim katholischen Sozialverband In Via berichten Fachkräfte von zunehmenden psychischen Erkrankungen, Sucht, Traumata und familiärer Gewalt bei den Jugendlichen, die sie betreuen. Die Infrastruktur sei „nicht optimal“, es fehle durchgängig an Personal. Wo Schulen mit vollen Klassen, Fluchterfahrung und Inklusionsaufgaben gleichzeitig konfrontiert sind, sprengt das die Möglichkeiten einzelner Lehrkräfte – unabhängig davon, wie „anstrengungsbereit“ einzelne Schülerinnen und Schüler sind.

Auffällig ist außerdem, was in der gesamten Debatte kaum vorkommt: die Pubertät. Gerade in der Altersspanne, in der viele Schulabbrüche entstehen, verändert sich die Hirnarchitektur Jugendlicher massiv – Impulskontrolle, Konzentrationsfähigkeit und Risikoabwägung sind in dieser Phase neurobiologisch bedingt eingeschränkt, unabhängig von Charakter oder Willen. Das trifft grundsätzlich alle Jugendlichen. Wer aber ohnehin mit Lernrückständen, unzureichender Förderung oder familiärer Belastung ins Jugendalter geht, hat in dieser vulnablen Phase deutlich weniger Puffer, um Einbrüche aufzufangen. Ob diese Phase gut überstanden wird, entscheidet sich damit erneut am familiären Hintergrund: Er ist es, der Fördermöglichkeiten – Zeit, Aufmerksamkeit, Nachhilfe, notfalls auch außerschulische Unterstützung – bereitstellt oder eben nicht. Die Pubertät wirkt so weniger als eigenständige Ursache denn als Verstärker der ohnehin schon ungleich verteilten Ausgangsbedingungen. Genau hier müsste eigentlich mehr Aufmerksamkeit und gezielte Unterstützung ansetzen – als strukturelle Antwort auf einen biologischen Fakt, nicht als weiterer Beleg für fehlende Anstrengungsbereitschaft.

Der Bericht der Bundesregierung „Bildung in Deutschland 2026“, der ebenfalls zitiert wird, weist zudem auf einen Kumulationseffekt hin: Wer ohne Abschluss abgeht, in Übergangsmaßnahmen landet und dann noch eine Ausbildung abbricht, erlebt am häufigsten frühe Arbeitslosigkeit. Auch das ist kein individuelles Versagen, sondern das Ergebnis eines Systems, das Brüche nicht auffängt, sondern durchreicht.

Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet der Bildungsforscher, der die strukturellen Zusammenhänge am besten kennen dürfte, in der Zuspitzung selbst wieder beim Smartphone der Jugendlichen landet – während die harten Fakten im selben Text durchgängig in eine andere Richtung zeigen: fehlende Koordination zwischen den Systemen, fehlendes Personal, fehlende frühkindliche Förderung. Das eine lässt sich beklagen, ohne etwas zu kosten. Das andere würde bedeuten, Ressourcen bereitzustellen.

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