Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft der Bundesregierung, hat der Frankfurter Rundschau ein Interview zum Niedrigwasser im Rhein und dessen wirtschaftlichen Folgen gegeben. Darin fällt ein Satz, der es in sich hat: Wenn Deutschland klimaneutral werde, ändere das an den globalen Entwicklungen überhaupt nichts. Die Europäische Union sei für weniger als sieben Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, China für dreißig, die USA für dreizehn Prozent. Entscheidend sei allein die internationale Kooperation.
Rein rechnerisch ist daran nichts falsch. Ein Molekül Kohlendioxid wirkt unabhängig davon, wo auf der Welt es freigesetzt wurde, und der globale Temperaturpfad hängt am globalen Gesamtbudget, nicht am Anteil eines einzelnen Landes. Genau diese isolierte Korrektheit macht das Argument aber zu einem Lehrstück in Verantwortungsdiffusion – einem Muster, das sich durch fast alle Ebenen deutscher Politik zieht und keineswegs neu ist, nur eben selten so prominent aus dem Mund einer Wirtschaftsweisen zu hören.
Die Rechnung stimmt – und genau das ist das Problem
Das Argument folgt einer Logik, die aus der Diskussion um Kollektivgüter bekannt ist: Jeder einzelne Beitrag ist für sich genommen zu klein, um das Ergebnis spürbar zu verändern, also lohnt sich der Beitrag scheinbar nicht. Wendet man diese Logik konsequent an, könnte praktisch jeder Akteur der Welt sein Handeln einstellen – jede Kommune, jedes Unternehmen, jeder einzelne Mensch könnte auf denselben mathematischen Befund verweisen. Am Ende steht dann exakt das Ergebnis, das die Ausgangsrechnung eigentlich vermeiden sollte: Nichts passiert, weil niemand für sich allein den Unterschied macht, obwohl in der Summe genau diese vielen kleinen Anteile das globale Problem ausmachen.
Bemerkenswert ist, dass Grimm sich im selben Interview selbst widerspricht. An anderer Stelle warnt sie davor, dass Deutschland wirtschaftlich unter Druck gerate und dadurch „unser Einfluss in der Welt“ sinke, um internationale Klimakooperationen überhaupt erst anzustoßen. Das setzt voraus, dass nationales Handeln – oder eben Nichthandeln – international durchaus wahrgenommen wird und Wirkung entfaltet. Genau diese Wirkung wird im Satz über die Klimaneutralität aber verneint. Beide Aussagen zusammen zu denken fällt schwer, sie schließen sich in ihrer Konsequenz gegenseitig aus.
Vom Einzelnen zum Nationalstaat: eine Wanderung der Argumentation
Das eigentlich Interessante an Grimms Aussage ist die Ebene, auf der sie ansetzt. Das „mein Beitrag zählt nicht“-Argument ist zunächst aus der individuellen Klimadebatte bekannt: Warum solle der Einzelne auf Flugreisen oder Fleischkonsum verzichten, wenn sein persönlicher Fußabdruck im globalen Maßstab verschwindend gering sei. Dieselbe Rhetorik findet sich auf kommunaler Ebene, wenn einzelne Städte oder Landkreise eigene Klimaschutzmaßnahmen mit Verweis auf ihre geringe Größe zurückstellen. Grimm überträgt das Muster nun eine Ebene höher, auf den Nationalstaat: Die Rechnung bleibt strukturell identisch, nur die Bezugsgröße wächst.
Das macht die Aussage in gewisser Weise konsequenter als ihre kleineren Geschwister – ein Staat mit sieben Prozent Anteil ist tatsächlich näher an der Bedeutungslosigkeit als ein einzelner Bürger, dessen individueller Anteil im Promillebereich liegt. Aber der Denkfehler bleibt derselbe: Wird das Argument auf jeder Ebene für gültig erklärt, verschwindet Verantwortung nach oben – vom Individuum zur Kommune, von der Kommune zum Staat, vom Staat zur Weltgemeinschaft – ohne dass sie irgendwo tatsächlich ankommt und in Handeln übersetzt wird.
Eine Frage des Zeithorizonts
Zu dem strukturellen Denkfehler kommt ein zweiter Aspekt hinzu, der in der öffentlichen Debatte selten benannt wird: der Zeithorizont derjenigen, die solche Rechnungen aufmachen. Klimapolitische Entscheidungen von heute wirken sich in ihrer vollen Tragweite erst in Jahrzehnten aus. Wer solche Abwägungen aus einer Perspektive trifft, in der die eigene verbleibende Lebenszeit kürzer ist als der Zeitraum, in dem sich die Folgen entfalten, bewertet Kosten und Nutzen zwangsläufig anders als jemand, der die Konsequenzen selbst noch in vollem Umfang erleben wird.
Das lässt sich niemandem im Einzelfall nachweisen und wäre als reine Motivunterstellung auch unfair – Grimm selbst würde ihre Position zweifellos rein ökonomisch begründen, mit Grenzkosten, Grenznutzen und der Priorität internationaler Kooperation gegenüber nationaler Symbolpolitik. Doch strukturell bleibt festzuhalten: Eine Gesellschaft, in der die Generation, die heute über Zeithorizonte und Prioritäten entscheidet, absehbar nicht mehr in vollem Umfang für die Folgen ihrer Entscheidungen einstehen muss, hat ein systematisches Anreizproblem – unabhängig davon, wie die einzelne Entscheidungsträgerin oder der einzelne Entscheidungsträger es persönlich meint.
Ein Muster mit Wiedererkennungswert
Die Verantwortungsdiffusion, die sich hier auf der Ebene von Nationalstaaten zeigt, ist im Kern dasselbe Prinzip, das sich in der deutschen Sozial- und Bildungspolitik immer wieder beobachten lässt: strukturelle Versäumnisse werden so lange auf höhere oder größere Einheiten verschoben, bis am Ende niemand mehr konkret zuständig ist. Bei der Klimapolitik verläuft diese Verschiebung nicht zwischen Bund, Ländern und Kommunen, sondern zwischen Individuum, Nationalstaat und Weltgemeinschaft. Das Prinzip bleibt dasselbe – und mit ihm die Frage, wer am Ende die Rechnung tatsächlich bezahlt.