Wir haben Krankenhäuser. Krankenkassen. Krankenversicherungen. Krankenscheine, Krankschreibungen, Krankengeld, Krankenakten. Unsere gesamte Begriffswelt rund um die Gesundheit kreist um ein einziges Wort – und es ist nicht „Gesundheit“, sondern „Krankheit“. Der Mensch erscheint darin nicht als jemand, der gesund werden will und es im Kern auch kann, sondern als ein Fall, der zu reparieren ist. Das klingt nach Wortklauberei. Ist es aber nicht. Denn Sprache formt, wie wir denken – und wie wir denken, formt am Ende, wie wir handeln.
Ein Fehler mit Datum
Bevor es um Wörter geht, lohnt der Blick auf eine Strukturentscheidung, die selten als das benannt wird, was sie ist: ein Fehler. Bis 2003 vergüteten die Krankenkassen die Krankenhäuser über tagesbezogene Pflegesätze – wer länger lag, kostete mehr. Das hatte eigene Probleme. Doch was 2004 an seine Stelle trat, hat die Logik des Systems grundlegend verschoben. Seither rechnen die Kliniken nach Fallpauschalen ab, den sogenannten DRG: Für jede Diagnose gibt es einen festgelegten Erlös, weitgehend unabhängig davon, wie lange und wie aufwendig der einzelne Mensch tatsächlich behandelt wird.
Was als Effizienzgewinn gedacht war, hat eine Eigendynamik entfaltet. Denn ein Krankenhaus verdient nun an der Zahl der Fälle, die es behandelt. Das ist keine Unterstellung böswilliger Verwalter – die Akteure handeln völlig rational innerhalb der Anreize, die man ihnen gesetzt hat. Der Fehler sitzt eine Ebene höher, in der Konstruktion selbst.
Bemerkenswert ist, wer das inzwischen offen ausspricht. Es ist nicht etwa nur die Opposition. Das Bundesgesundheitsministerium selbst schreibt auf seiner eigenen Erklärseite, dass das System Fehlanreize erzeugen kann, dass Eingriffe nicht auszuschließen seien, die medizinisch gar nicht nötig oder auch ambulant zu erbringen wären, und dass der ökonomische Druck Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte frustriere und den Patienten nicht diene. Wenn das zuständige Ministerium die Mängel seines eigenen Vergütungssystems derart deutlich beschreibt, ist das kein Streit der Meinungen mehr, sondern ein Eingeständnis.
Noch schärfer formuliert es die Bundesärztekammer, deren Präsident das Fallpauschalensystem für gescheitert erklärt hat: Es belohne die Steigerung der Fallzahlen und lasse das Bewusstsein dafür verlorengehen, dass gutes ärztliches Handeln auch im Unterlassen bestehen kann. Genau hier liegt der wunde Punkt. Ein System, das auf Gewinn gepolt ist, kann das Nicht-Behandeln, das Abwarten, das Gespräch nicht abbilden – obwohl das oft die bessere Medizin wäre.
Vom Reparieren zum Gesundwerden
Und damit zurück zur Sprache. Solange wir vom „Krankenhaus“ sprechen, denken wir das Gebäude als Ort, an den man geht, weil etwas kaputt ist. Man wird dort behandelt, möglichst effizient, und dann wieder entlassen – im ZEIT-Bericht über die Psychiatrie hieß das jüngst sinngemäß: drei Wochen auf Station, dann allein nach Hause. Der Mensch ist in dieser Logik Objekt eines Vorgangs, nicht Subjekt seiner eigenen Genesung.
Was aber, wenn man die Sache vom Menschen her dächte, nicht vom Defekt? Ein Satz, den ich aus einem ganz anderen Zusammenhang kenne, bringt es auf den Punkt: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Übertragen auf die Gesundheit hieße das nicht mehr „ich bin krank und werde behandelt“, sondern „ich werde gesund, und das System hilft mir dabei“. Aus dem passiv Versorgten wird ein Mensch, der an seiner eigenen Genesung beteiligt ist.
Man könnte das mit einer kleinen Änderung beginnen, die fast nichts kostet und doch auf Dauer wirkt: Man ginge nicht mehr ins Krankenhaus, sondern in ein Gesundheitszentrum. Konsequent weitergedacht hieße die Krankenkasse irgendwann Gesundheitskasse. Das ist keine kosmetische Spielerei. Wer täglich von Gesundheit spricht statt von Krankheit, verschiebt langsam, fast unmerklich, den Blick aller Beteiligten – der Behandelnden wie der Behandelten. Sprache ist kein Etikett, das man über die Dinge klebt. Sie ist das Werkzeug, mit dem wir die Dinge überhaupt erst denken.
Kein Programm, eine Richtung
Ich weiß, wie naheliegend der Einwand ist: Wörter heilen niemanden, und ein neues Schild über der Tür ändert nichts an Fallpauschalen und Personalmangel. Das stimmt. Eine solche Umstellung – die ökonomische Steuerung wie die sprachliche – ist nicht in einer Legislaturperiode zu haben. Sie braucht Zeit, und sie braucht Raum für Entwicklung bei allen Beteiligten, bei den Trägern, den Beschäftigten, den Versicherten. Wer sie über Nacht verordnen wollte, würde nur Widerstand und Zynismus ernten.
Aber Richtungen muss man irgendwann einschlagen, ehe man sie gehen kann. Und es täte unserem Blick auf das eigene Land gut, nicht immer nur zu beklagen, was kaputt ist, sondern auch zu denken, was möglich wäre. Das Gesundheitswesen ist nicht am Ende. Es ist falsch gesteuert – und das ist eine viel bessere Nachricht, als es zunächst klingt. Denn was man falsch konstruiert hat, kann man auch anders konstruieren. Man muss es nur wollen. Und man könnte, ganz unaufwendig, bei einem einzigen Wort beginnen.