Jeder vierte Schüler in Deutschland macht sich Sorgen um seine Leistungen oder ist psychisch belastet. Das ist kein Randbefund, das ist das Ergebnis des aktuellen Deutschen Schulbarometers – einer der größten repräsentativen Studien zur Lage an unseren Schulen. Und der größte Faktor für dieses Unwohlsein? Fehlende Unterstützung und Wertschätzung durch die Lehrkraft.
Die Frankfurter Rundschau hat daraus einen klugen Artikel gemacht, der einen Mannheimer Wirtschaftspädagogen zu Wort kommen lässt. Seine Diagnose ist richtig. Seine Therapie greift zu kurz. Und genau in dieser Lücke wohnt das eigentliche Problem.
Die richtige Diagnose
Der Professor sagt vieles, dem ich aus dreißig Jahren Schulpraxis nur zustimmen kann. Fehler müssen im Unterricht auftauchen – sie sind das Signal, das Lehrkraft und Kind zeigt: Wo stehe ich, wo fehlt es noch, wo muss ich hin? Niemand darf bloßgestellt werden. Kinder brauchen psychologische Sicherheit, um überhaupt ein Risiko einzugehen und etwas Falsches zu sagen. Und sie brauchen Klarheit darüber, wann gelernt und wann bewertet wird.
Alles wahr. Alles wünschenswert. Ich habe es selbst jahrzehntelang versucht zu leben.
Die zu kurze Therapie
Doch dann kommt der entscheidende Satz, und er lautet: Die Verantwortung liegt maßgeblich bei den Lehrerinnen und Lehrern. Sie müssen die Sicherheit „aktiv herstellen“. Sie müssen „fachlich sattelfest“ sein. Sie sollen „maximale Transparenz“ schaffen.
Und damit ist die Sache, kaum dass sie benannt wurde, wieder zur Frage der individuellen Haltung geworden. Das strukturelle Problem verwandelt sich in ein persönliches Kompetenzdefizit. Wenn die Fehlerkultur nicht funktioniert, dann – so die unausgesprochene Logik – war die Lehrkraft eben nicht souverän genug, nicht sattelfest genug, nicht transparent genug.
Das ist ein Muster, das mir in der deutschen Bildungsdebatte immer wieder begegnet. Ich nenne es die Individualisierung kollektiver Versäumnisse: Ein Problem, das das System erzeugt, wird denjenigen zur Bewältigung übergeben, die in ihm arbeiten und lernen müssen.
Der Konstruktionsfehler, den niemand ausspricht
Denn die eigentliche Spannung benennt der Artikel selbst – und zieht die Konsequenz nicht. Die Schule ist gleichzeitig Lernort und Bewertungsort. Sie soll ein Raum sein, in dem Fehler willkommen sind. Und sie ist zugleich die Instanz, die jede Äußerung in eine Note übersetzen kann, die am Ende aufs Zeugnis durchschlägt und über Übergänge, Chancen und Lebenswege entscheidet.
Diese beiden Funktionen vertragen sich nicht. Sie stehen in einem Widerspruch, der nicht durch Haltung aufzulösen ist. Solange jede mündliche Wortmeldung potenziell zensurenrelevant ist, kann keine noch so engagierte Lehrkraft per Willenskraft eine angstfreie Atmosphäre herbeizaubern. Das Kind, das schweigt, statt etwas Falsches zu sagen, verhält sich nicht ängstlich – es verhält sich rational. Es hat das System verstanden.
Die Angst ist also kein Betriebsunfall, den bessere Lehrkräfte vermeiden könnten. Sie ist eingebaut. Das System produziert sie und gibt sie anschließend an die Kinder und an die Lehrkräfte zurück – als deren individuelles Problem.
Die Note kann keine Entwicklung erzählen
Und es geht noch tiefer. Das Problem ist nicht allein, dass bewertet wird – es ist die Form, in die wir die Bewertung gießen. Solange die Beurteilung am Ende in eine Note mündet, ist Fehlerkultur kaum möglich. Denn die Ziffer beschreibt keine Entwicklung. Sie ist ein Zustandsfoto: Sie hält fest, wo ein Kind an einem bestimmten Tag steht, und sagt nichts darüber, wo es herkam und wohin es unterwegs ist.
Ein Fehler ist in dieser Logik kein Schritt auf einem Weg, sondern ein Abzug vom Soll. Er kostet. Er senkt den Durchschnitt. Damit wird genau das bestraft, was Lernen ausmacht.
Erst in der Beschreibung und Dokumentation einer Entwicklung lässt sich das umkehren. Wer den Weg eines Kindes erzählt, statt ihn auf eine Zahl zu verdichten, gibt ihm den Raum, den es zum Lernen braucht. Und in einer solchen Erzählung gehören Fehler dazu wie das tägliche Brot – nicht als Makel, sondern als die Stellen, an denen die Entwicklung überhaupt sichtbar wird.
Wer trägt die Verantwortung?
Ich will den Appell an die Lehrkräfte nicht kleinreden. Eine gute Fehlerkultur im einzelnen Klassenzimmer ist möglich, und sie macht für die betroffenen Kinder einen realen Unterschied. Ich habe darum gekämpft, andere kämpfen jeden Tag darum, und das verdient Respekt.
Aber es ist nicht fair, und es ist nicht ehrlich, die Last allein dort abzuladen. Wer ein Viertel der Schülerinnen und Schüler psychisch belastet sieht und die Antwort in der Haltung der Einzelnen sucht, behandelt ein Symptom und schont die Ursache. Die Frage, die zu selten gestellt wird, lautet nicht: Wie werden Lehrkräfte souveräner im Umgang mit Fehlern? Sie lautet: Warum bauen wir Schule so, dass Lernen und Bewerten denselben Raum, dieselbe Stunde, dieselbe Wortmeldung besetzen – und sich dabei zwangsläufig im Weg stehen?
Solange wir diese Frage nicht stellen, bleibt jede noch so gut gemeinte Fehlerkultur ein Pflaster auf einem Konstruktionsfehler.