Im Frankfurter Rundschau-Bericht steht das stille Mädchen im Zentrum: hochbegabt, angepasst, gute Noten – und genau deshalb übersehen. Es maskiert seine Fähigkeiten, schreibt brav mit, fällt nicht auf, bekommt keine Diagnose und keine Förderung. Eine Tübinger Anlaufstelle berichtet, dass zwei- bis dreimal so viele Jungen wie Mädchen zur Testung vorgestellt werden – bei nachweislich gleicher Begabungsverteilung. Der Befund stimmt. Er ist nur die halbe Geschichte.
Die andere Hälfte habe ich in dreißig Jahren Schule von zwei Seiten erlebt. Da waren Eltern, die felsenfest behaupteten, ihr Kind sei hochbegabt – es könne nur deshalb nicht stillsitzen und tue nicht, worum man es bitte. Hochbegabt war keines dieser Kinder. Sie hatten Helikopter- oder Curlingeltern, oft eine Mischung aus beidem: Erwachsene, die jeden Widerstand vor dem Kind wegräumen, bis es Grenzen schlicht nicht mehr kennt. Dass so ein Kind dann im Unterricht nicht folgt, ist kein Zeichen kognitiver Sonderausstattung, sondern fehlender Reibung. „Hochbegabung“ ist hier eine elterliche Erklärung, ein Etikett, das ein anstrengendes Verhalten in eine schmeichelhafte Diagnose umdeutet.
Beides – das übersehene stille Mädchen und das überschätzte laute Kind – ist im Kern derselbe Fehler, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: ein Wahrnehmungsfehler der Erwachsenen. Im einen Fall wird Begabung nicht gesehen, weil sie leise ist. Im anderen wird sie behauptet, weil die Eltern es so wünschen.
Das stille Milieu
Die eigentlich brisante Erfahrung habe ich aber an einem dritten Punkt gemacht. An einer Brennpunktschule wurde ein sprachneutraler Intelligenztest durchgeführt – ein Verfahren, das figural arbeitet und gerade darum unabhängig von Sprachkenntnis und Bildungsmilieu misst. Genau dafür sind Tests wie der CFT gemacht: Sie sollen das Potenzial auch bei Kindern erfassen, deren Deutsch noch nicht trägt. Das Ergebnis war eindeutig. Viele Kinder lagen bei einem IQ von 130 und höher – also im Bereich, den man Hochbegabung nennt.
Gefördert wurde keines von ihnen.
Das trifft den blinden Fleck der Begabtenförderung genauer als die Geschlechterfrage. Hochbegabung wird dort gesucht, gefunden und gefördert, wo Eltern sie vermuten, einfordern und die Diagnostik bezahlen können. An einer Brennpunktschule fehlt dieser Resonanzboden vollständig. Das Talent ist messbar vorhanden – aber es gibt niemanden, der es ins System übersetzt: keine Eltern, die in der Schule vorsprechen, keine Kinderärztin, die einen Verdacht formuliert, kein Budget, das aus dem Testergebnis eine Konsequenz macht.
So fördert ein System, das Chancengleichheit verspricht, am Ende nach Lautstärke und Herkunft. Das laute Kind aus dem fordernden Elternhaus wird durchgetestet, bis sich irgendeine Diagnose findet. Das stille Mädchen aus der bürgerlichen Familie wird vielleicht spät, aber doch entdeckt, weil jemand hinschaut. Das ebenso begabte Kind aus dem Brennpunkt bleibt mit seinen 130 Punkten sitzen, weil niemand die Zahl in eine Tür verwandelt.
Förderung folgt nicht der Begabung. Sie folgt dem sozialen Kapital der Eltern. Und solange das so bleibt, reproduziert die Begabtenförderung exakt die Schichtung, die sie eigentlich durchbrechen sollte – ein Mechanismus, den ich in meinem Buch Das System frisst seine Kinder ausführlicher beschreibe: ein Bildungssystem, das vorgibt, jedes Kind zu fördern, und in Wahrheit aussortiert, wer nicht von Haus aus die richtigen Fürsprecher mitbringt.